Wird fštales Rinderserum Mangelware?
In zwei gleich lautenden Artikeln (transkript, Heft 10/2008 und European Biotechnology News,
No. 9-10/2008) wird von Dr. Peter HŠusl aus Dietersburg, der als freier Berater
fŸr die Life Science-Branche/Rohstoff Beschaffung einen guten †berblick Ÿber
die Zellkulturscene besitzt, darauf hingewiesen, dass in KŸrze eine Verknappung
von fštalem Rinderserum bevorsteht.
Das fštale Rinderserum (oder fštales KŠlberserum, FBS o.
FCS) wird derzeit von den meisten in der Zellkultur beschŠftigten
Wissenschaftlern verwendet. FCS ist ein essentieller Zusatz zum definierten
Zellkulturmedium, ohne dem die Zellen zwar Ÿberleben, aber nicht wachsen und
sich teilen kšnnen (Fachausdruck: Proliferation). Es wird als
"Abfallprodukt" bei der Schlachtung von frei auf der Weide lebenden
Rindern gewonnen und da der Anteil von trŠchtigen Rindern in einer derartigen
Herde in den letzten Jahren immer mehr zunahm, stieg auch die Produktion von
FCS gleichzeitig damit an. Die Gewinnung von FCS aus diesen Fšten ist
generell nicht unumstritten, da bei der Gewinnung im Schlachthof die Fšten,
deren Blut durch Herzpunktion entnommen wird, wŠhrend dieser Prozedur noch
leben.
Obwohl vielfŠltige Anstrengungen (nicht nur aus dem oben
genannten Grunde) unternommen wurden und immer noch werden, das Serum durch
definierte biochemische Faktoren zu ersetzen, ist in den meisten Laboratorien -
vor allem in der biomedizinischen Grundlagenforschung - FCS nahezu unentbehrlich und war bisher
ohne Probleme verfŸgbar.
Im Gegensatz zum FCS, das in der biomedizinischen Industrie
zu Produktionszwecken verwendet wird, spielte bisher die Herkunft des FCS fŸr
die reine in vitro-Forschung
nahezu keine Rolle, da prinzipiell die biologische Sicherheit des Serums
geprŸft und gewŠhrleistet ist, wenn auch die bisherigen Kriterien hierzu nicht
sonderlich streng waren.
Das FCS fŸr die biomedizinische Produktion (z.B. fŸr die
Impfstoffproduktion) wird jedoch sehr viel restriktiver gehandhabt. So darf
ein FCS fŸr die medizinisch-biologische Produktion nur aus
bestimmten LŠndern stammen (USA, Neuseeland und Australien), in denen z.B.
Viruserkrankungen (u.a. Maul- und Klauenseuche, Blauzungenfieber und Diarrhoe)
beim Rind nicht auftraten und nicht aktuell auftreten, so dass eine gewisse
Sicherheit gewŠhrleistet ist, auch wenn diese Sicherheit nicht 100 %ig ist.
So sind die Seren fŸr diese Zwecke aus den "guten"
LŠndern naturgemЧ um einiges teurer, da die Dokumentation der Herkunft etc.
besser nachvollziehbar ist (Stichwort: "Traceability") und ferner in
manchen FŠllen das Serum vor der Verwendung hitzeinaktiviert wird (Behandlung
des Serums bei 56 ¡C fŸr 30 bzw. 45 min).
Diese Vorkehrungen sind fŸr die Anwendung von FCS in der
Forschung meist nicht notwendig und manches Mal sogar kontraproduktiv (=
Hitzeinaktivierung). Aus diesem Grunde war ein derartiges FCS bisher relativ
preisgŸnstig und in ausreichenden Mengen vorhanden. Es stammte zu ca. zwei
Drittel aus Brasilien, das andere Drittel wurde von SŸdafrika, Namibia und
Argentinien exportiert. In Europa wird FCS nahezu nicht produziert,
sondern muss als Rohware importiert werden, es wird hier jedoch steril
filtriert, weiter verarbeitet und in relativ gro§en Mengen verkauft. Man
schŠtzt den derzeitigen weltweiten Bedarf auf rund 500.000 Liter, obwohl
genauere Zahlen darŸber nicht verfŸgbar sind.
Nun ist die Einfuhr des FCS aus Brasilien an die Einfuhr von
Rindfleisch gekoppelt, d.h. es wird als Rinderblut wie ein
"Nebenprodukt" von der EU so gehandhabt. Bis Ende 2007 war FCS aus
Brasilien nahezu unbegrenzt verfŸgbar, da die brasilianischen Farmer immer mehr
Fleisch in die EU exportierten und die Import- bzw.
Sicherheitsma§nahmen auch fŸr das FCS von der EU relativ locker gehandhabt
wurden. So gab es z.B. in den 90er Jahren FŠlle, wo ein aus Brasilien in die EU
importiertes FCS, das ausschlie§lich fŸr die in vitro-Forschung deklariert war, plštzlich
fŸr Produktionszwecke "umetikettiert" wurde. Oder Serum, das
nachweislich aus Brasilien stammte, als "Neuseelandserum" deklariert
wurde und dementsprechend teurer verkauft werden konnte. So wies im Jahre 1990
das US-Handelministerium einen Import von 60.000 Liter FCS aus Neuseeland aus,
obwohl damals ProduktionskapazitŠten an den Schlachthšfen in Neuseeland von
hšchstens ca. 15.000 Liter pro Jahr bestanden.
Dies hat sich im Jahr 2008 nun entscheidend verŠndert.
Ende Januar 2008 erlie§ die EU einen Einfuhrstopp fŸr Fleisch aus
Brasilien, welcher dann zwar zwischenzeitlich gelockert wurde, jedoch
wurden den Exporteuren aus Brasilien strenge Ma§nahmen auferlegt, die vor allem
die Herkunft, die Unbedenklichkeit und Sicherheit des Fleisches betrafen. Zur
damaligen Zeit waren wiederholt in bestimmten Regionen Brasiliens
Viruskrankheiten der Rinder aufgetreten und bestimmte Krankheitsherde sind bis
heute noch nicht vollstŠndig eingedŠmmt. So gingen die Schlachtraten der Rinder
im Jahr 2008 bisher um ca. 20 % zurŸck. Weiterhin waren die EU-Behšrden zu
Recht mit den Nachweisen der brasilianischen Schlachthšfe mehr als unzufrieden,
da meist nachvollziehbare Dokumente entweder ganz fehlten oder schlichtweg
gefŠlscht oder manipuliert waren. Derzeit ist nun aufgrund der weiter
grassierenden Tierseuchen in Brasilien ein generelles Einfuhrverbot fŸr
Fleisch wieder eingefŸhrt und deshalb gelangt auch kein neu produziertes FCS
aus Brasilien mehr in die EU, wobei Gro§britannien hierbei sich Ausnahmen
aushandelte.
Doch nicht nur deshalb wird das FCS bald zur Mangelware: Die
Farmer in Brasilien stellten 2008 ziemlich dramatisch ihre Fleischproduktion
zugunsten der Herstellung von Biosprit (Soja und Zuckerrohr) ein, da sich
der Export von Rindfleisch aufgrund des Verfalls der brasilianischen WŠhrung
gegenŸber dem US-Dollar nicht mehr rentierte.
Es gibt bisher allerdings noch keine direkten Anzeichen
fŸr eine Verknappung von FCS, da in den vergangenen Jahren genŸgend produziert
wurde und das FCS sich bei minus 30 ¡C mindestens fŸr zwei bis drei Jahre gut
lagern lŠsst. Au§erdem dauert der Prozess von der Gewinnung bis zur Herstellung
und zum Vertrieb des sterilen FCS mindestens 3 bis 6 Monate, da sowohl die
Sterilfiltration als auch die †berprŸfung der QualitŠt relativ aufwŠndig ist,
bis es in den Verkauf kommt.
Dies wird sich in den ersten Monaten des Jahres 2009 wohl
Šndern: Die BestŠnde an eingefrorenen, sterilen Seren werden zurŸckgehen, neues
Serum wird zumindest aus Brasilien nicht mehr verfŸgbar sein und die knappen
BestŠnde aus den anderen LŠndern, wie Argentinien und SŸdafrika kšnnen nur
bedingt den Mangel ausgleichen. So wird erwartet, dass der Preis fŸr einen Liter
FCS fŸr die Forschung, der bisher bei 80 bis 100 Û lag, mindestens um das
Doppelte steigt, obwohl schon in der Vergangenheit die Preise Šhnlich stiegen
und fielen wie die Spritpreise an den Tankstellen. Der Gipfel bei den
Rohšlpreisen ist wohl schon Ÿberschritten, was jedoch bei den FCS-Preisen nicht
der Fall ist - im Gegenteil - er wird wohl erst nŠchstes Jahr krŠftig zulegen.
Was ist die Konsequenz aus diesen UmstŠnden:
1. Jedes Labor, das mit Zellkulturen forscht, sollte
zumindest jetzt eine Inventur machen, was den Bestand an FCS betrifft.
2. Falls der Bestand noch fŸr mehr als zwei Jahre ausreicht,
so kann man (frau) sich beruhigt zurŸcklehnen und die lŠngerfristige
Entwicklung abwarten.
3. Wenn jedoch zu erwarten ist, dass in den nŠchsten 6 Monaten
neues FCS gebraucht wird, sollte man (frau) noch heuer an eine Bestellung
denken.
4. Wer neues FCS jetzt bestellt, sollte die verschiedenen
Vertreiber bzw. Produzenten (Sigma, GIBCO, Biochrom, CC-Pro u.a.) kontaktieren
und sich Chargenproben schicken lassen und diese fŸr seine Zellen gut erproben
und dann den Bedarf fŸr ca. zwei bis drei Jahre bestellen bzw. zu einem
Fixpreis reservieren lassen.
5. Eine weitere Strategie ist die oben schon erwŠhnte
Methode der serumfreien ZŸchtung von Zellen, die zwar manches Mal mŸhsam,
jedoch am Ende lohnend ist, da nur damit eine wirklich kontrollierte
ZellzŸchtung betrieben werden kann (Stichwort: Good Cell Culture Practice).
Literaturnachweis:
HŠusl, P. (2008) Rinderserum wird Mangelware, transkript,
Heft 10/2008, Seite 48, und Fetal Bovine Serum running short, European
Biotechnology News, No. 9-10/2008, p.26
Toni Lindl und Gerhard Gstraunthaler: Zell- und Gewebekultur (2008), 6. Auflage, Spektrum Verlag Heidelberg